Meine Passion für den Sport im Allgemeinen existiert seit frühen Kindertagen. Beeinflusst wurde ich diesbezüglich durch meinen Vater – selbst ein bis heute sportbegeisterter Mensch, der das Mitfiebern im Stadion oder vor dem Fernseher als liebste Freizeitbeschäftigung bezeichnen würde, wenn er danach gefragt wird.
Es muss im Januar 2000 gewesen sein, als wir gemeinsam Teile des Divisional-Playoff-Spiels zwischen den St. Louis Rams und den Minnesota Vikings am Fernseher verfolgten. American Football. Von diesem Sport wusste ich nicht viel. Ich hatte keine Ahnung, was ein Linebacker macht oder wozu es in einem Roster den Long-Snapper gibt. Aber dieses Spiel faszinierte mich – an diesem Tag und fortan. Die hochzylindrige Offensiv-Maschinerie der Rams um Quarterback Kurt Warner, Runningback Marshall Faulk und das Wide Receiver-Duo Isaac Bruce und Torry Holt hatte es mir gleich angetan. „The greatest Show on Turf“. Elektrisierend.
Zwei Wochen später verfolgte ich meinen ersten Super Bowl (bis heute habe ich keinen seitdem verpasst) und die Rams gewannen ihn mit 23:16 gegen die Tennessee Titans. Sympathien habe ich in den folgenden 19 Jahren für so manchen Spieler und so manches Team entwickelt. Die große Football-Liebe blieben immer die Rams. Zwei Jahre nach dem Triumph über die Titans erreichten Warner und Co. erneut das Finale – und verloren gegen einen jungen Quarterback namens Tom Brady und den Underdog New England Patriots.
Danach ging es bergab mit den Rams. In der Saison 2004 (Januar 2005) qualifizierte sich mein Lieblingsteam letztmalig für die Postseason. Kurt Warner war lange weg, Marshall Faulk agierte längst nicht mehr auf dem Niveau früherer Tage. Die Trainer kamen und gingen: Mike Martz, Joe Vitt, Scott Linehan, Jim Haslett, Steve Spagnuolo und – nicht zu vergessen – Jeff Fisher. Vor allem die Zeit unter Fisher hat mich graue Haare gekostet und viel Geld für Bier, um zu vergessen, was bei den Rams alles falsch läuft. Auch die Parade der Quarterbacks sowie deren eher mäßiges Talent erhöhten den Bierkonsum während und nach den Spielen. Marc Bulger ging ja noch, aber Brock Berlin, Keith Null, Kyle Boller, Sam Bradford, Kellen Clemens, Austin Davis, Shaun Hill, Nick Foles (ja, der war 2015 auch nicht dauerhaft gut) und Case Keenum?
Besonders begeistert über den Umzug der Franchise von St. Louis zurück nach Los Angeles im Jahr 2016 war ich auch nicht. Nicht, weil ich einen speziellen Bezug zur Stadt St. Louis habe, nein, sondern weil ich Sport-Teams aus LA eigentlich nie mochte. Aber die Rams blieben mein NFL-Team Nummer eins. Warum nicht, dachte ich mir?
Als Jeff Fisher gefeuert wurde und nach der 13. Saison ohne „Winning Record“ der junge Sean McVay das Kommando übernahm, kehrte die Hoffnung zurück. Die Hoffnung auf bessere Zeiten mit dem Lieblingsteam, das ein durchaus talentiertes Roster besaß. Vor einem Jahr war die lange Zeit ohne Play-off-Teilnahme endlich beendet. Nach 13 Jahren. In dieser Saison ging es sogar weiter – und das finale Kapitel der Saison 2018 ist noch nicht geschrieben. Lange war ich vor einem Sportereignis nicht mehr so nervös, wie in den drei Tagen vor dem NFC-Title-Game zwischen New Orleans und Los Angeles.
Und nun? Die Rams, meine Rams, stehen wieder im Super Bowl. 17 Jahre danach, wieder gegen Brady und wieder gegen die Patriots. Oft habe ich mich geärgert in diesen 17 Jahren, habe Super Bowl um Super Bowl geschaut. Mit meinen Freunden, hin und wieder auch mit meinem Vater, wenn er die Energie hatte, so lange wach zu bleiben. Ich habe mich für andere Teams gefreut, habe oft meinem Freund und Podcast-Mitstreiter Christian die Daumen für die Packers gedrückt oder mich am Talent von Spielern wie Peyton Manning, Ben Roethlisberger und Drew Brees erfreut. Es hat Spaß gemacht – jede einzelne Saison.
Doch eigentlich habe ich als Rams-Fan immer gelitten. Jahr um Jahr, Saison um Saison. Die Niederlage gegen die Patriots vor 17 Jahren habe ich als besonders bitter erlebt. Vielleicht – nein, ganz sicher – rührt meine fehlende Sympathie für New England aus diesem einen Spiel. Das ist einfach so. Bislang gab es nie die Gelegenheit zur Revanche. Bislang. Nun ist sie da. Es würde sich ein Kreis schließen für mich, mit einem Triumph der Rams über die Patriots. 17 Jahre später. Nach langem Warten. Und viel „Leiden“. Und viel Bier.
(Tobias Kemberg)