Unsichtbarer Glitzerstaub

Warum kann nicht immer Super-Bowl-Woche sein? Ganz einfach: Dann wäre sie nichts Besonderes mehr. Und obwohl sich dieser Gedanke während der ersten Tage hier in Atlanta/Georgia bereits das eine oder andere Mal aufgedrängt hat, so ist es doch gut, dass es diese Woche nur einmal im Kalenderjahr gibt. Ganz ehrlich: Den austragenden Städten ist es bei allem Stolz über das Gastgeberdasein und der Freude über die (hoffentlich) nachhaltigen Effekte dieser Tage auch nicht anders zu wünschen. Dafür ist hier einfach zu viel los und viele Menschen sind tatsächlich auch ein wenig in ihrem Alltag eingeschränkt, wenn es beispielsweise um Wege von A nach B geht.

Trotzdem hat der Zauber dieser Woche mit seinem unsichtbaren Glitzerstaub schnell seine Wirkung erreicht. Eine Nahaufnahme von einem Superstar hier, ein kurzes Interview mit einem anderen Spieler dort. Die „Opening Night“ ist etwas Einzigartiges – für Medienvertreter ebenso wie für die Fans in der Halle auf den Tribünen.

Pressekonferenzen werden in dieser Woche so zahlreich abgehalten, wie es hier Volunteers gibt. Rund 10000 sollen es sein – gekommen aus allen Staaten des Landes. Selektion ist für den Arbeitenden vor Ort unweigerlich entscheidend. Sich in jeden Raum setzen, allen wichtigen Ex-Spielern oder Anzugträgern zuhören? Nicht machbar.

Und so faszinieren insbesondere die, bei denen große Persönlichkeiten des Fernsehens oder im sportlichen Unruhestand befindliche Top-Stars früherer Tage zugegen und (beinahe) wörtlich zum Anfassen sind. CBS, der US-Sender, der das Spektakel am Sonntag überträgt, lässt Tony Romo auflaufen. Und Jim Nantz. Und Nate Burleseon, Coach Bill Cowher oder die stets charmant wirkende Tracy Wolfson. Sobald die ersten Statements auf der großen Bühne getätigt wurden, geht es unter das Medienvolk. Medienvertreter interviewen Medienvertreter – ist das bizarr? Nur, wenn man vergisst, dass Tony Romo mal ein Top-Quarterback der NFL war oder Bill Cowher die Pittsburgh Steelers als Chef an der Seitenlinie zum Super-Bowl-Triumph führte.

Bei aller Professionalität wird es aber besonders schwer, wenn Hall-of-Fame-Runningback LaDanian Tomlinson (San Diego Chargers) oder Super-Bowl-Sieger Reggie Wayne (Wide Receiver, Indianapolis Colts) im Raum sind. Da wird der Journalist aus Deutschland schnell wieder zum Fan. Das ist gar nicht schlimm und es nimmt auch niemand Anstoß daran. Trotzdem müssen die eigenen Hände hin und wieder in die Hosentaschen gesteckt oder hinter dem Rücken verschränkt werden, um die Zeichen der Aufregung zu verbergen.

Die Eindrücke in so einer Super-Bowl-Woche sind vielfältig, beinahe sind sie für denjenigen, der immer auch Fan geblieben ist, nur schwer zu greifen oder zu begreifen – jedenfalls nicht unmittelbar, wenn sie passieren. Es wird wieder eine Weile dauern, das alles in Relation zu setzen, einzuordnen und dann darauf zurückzublicken. Während der Tage in Atlanta ist das nicht denkbar. Es ist wie im Rausch. Für den NFL-Fan und -Beobachter der denkbar schönste Rausch. Kann nicht doch jede Woche Super-Bowl-Woche sein? Nein. Denn dann würde dieser unsichtbare Glitzerstaub zu Asche werden. Und bevor die Uhr Montagmorgen schlägt, gibt es noch so viel mitzunehmen – vom Zauber der Super-Bowl-Woche.

 

(Tobias Kemberg)

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