New York City. Schmelztiegel der Kulturen, Mekka des Sports. Keine andere Metropole der Welt dürstet derartig nach Stars und Sternchen wie der „Big Apple“. Und zugleich kommen nirgends sonst die Kritiker so schnell und zahlreich aus ihren Löchern gekrochen, wenn es bei den Helden in Sportuniform mal nicht so läuft. Joe Namath, Lawrence Taylor, Wayne Gretzky, Alex Rodriguez – vier beliebige Namen, aus der Historie der „Big Leagues“ der US-amerikanischen Sportwelt. Sie alle haben genau das erfahren. Erwartungen, Hochs und Tiefs, Kritik. In unterschiedlichen Dekaden und in unterschiedlichem Ausmaß.
Die New Yorker Football-Welt hat in Runningback Saquon Barkley vor einem Jahr einen potenziellen Superstar hinzugewonnen. „Face of the Franchise“ heißt so etwas gerne. Ob Giants-Teamkollege Daniel Jones irgendwann auch ein solches werden kann, wird vielerorts bezweifelt, nicht nur in den USA. Doch die Ankunft anderer „Hoffnungsträger“ in NYC sollte gerade den Talenten der Giants (und vielleicht auch ein bisschen dem neuen Jets-Runningback Le’Veon Bell) eines verschafft haben, was es in Bezug auf Erwartungshaltung von Fans und Medien meist nur wenig gibt: Zeit.
Natürlich, die reinen Football-Fans werden sich vollends auf ihre Football-Teams und deren Spieler fokussieren, aber die Masse der Medien werden aller Voraussicht nach andere Neuankömmlinge noch genauer unter die Lupe nehmen. Der erste Blick führt zu den New York Knicks. Die Basketballer warten seit 1973 auf ihre dritte Meisterschaft in der NBA. Mit dem dritten Pick in der ersten Draft-Runde haben die Knickerbocker nun Guard R.J. Barrett verpflichtet. Der in Kanada geborene 19-Jährige hat ein beeindruckendes Freshman-Jahr an der renommierten Duke University hingelegt und dürfte im Gegensatz zu anderen Top-10-Picks von Saisonbeginn an ein klarer Kandidat für die erste Fünf auf dem Parkett des Madison Square Garden sein. Barrett wird liefern müssen. Also: Fokus auf den Knicks.
Wenige Tage nach dem NBA-Draft fand auch in der National Hockey League die alljährliche Talent-Auswahl statt. Mit Jack Hughes (New Jersey Devils) und Kaapo Kakko (New York Rangers) haben sich gleich zwei Teams aus dem Großraum New York an Position eins und zwei vielversprechenden Eishockey-Nachwuchs geangelt. Also: Fokus auf die Devils und sicherlich stark auf die sich im Umbruch befindlichen Rangers.
Vor allem die Boulevard-Medien vor Ort werden sich im Herbst also (zunächst einmal) mehr auf Basketballer Barrett sowie die Hockeyspieler Hughes und Kakko fokussieren. Das verschafft vor allem Giants-Spielmacher Jones – genau wie Barrett ein ehemalige Duke Blue Devil – Zeit, um sich in Ruhe entwickeln zu können. Ohne den ganz großen Druck von Anfang an. Zumindest für New Yorker Verhältnisse. Und dann sind da ja auch noch die New York Yankees. Ein bis zum Kragen der Pinstripe-Uniformen mit Talent gefülltes Roster soll nach 2009 endlich wieder für einen Triumph in der World Series sorgen. Also: Fokus auf die Yankees.
Irgendwann wird das geballte Interesse wieder verstärkt auf die Giants und Jets wandern. Das kann auch schneller gehen, als es der Schreiber dieser Zeilen erwartet. Aber die vielen neuen Hoffnungsträger bei den übrigen New Yorker Sportteams sollte für die Ruhe bei den Footballern tatsächlich erst einmal nicht abträglich sein. Ganz im Gegenteil.
(Tobias Kemberg)